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Barbara Roth |
Die Baukunst Galerie eröffnet am Mittwoch, den 2. Dezember 2009 von 18.00 bis 21.00 Uhr die große Einzelschau „ocean dust“ mit neuen Arbeiten der Schweizer Künstlerin und Bildhauerin Barbara Roth. Ihr Werk wurde in der Galerie erstmals im Sommer 2000 im Außenbereich in Form von Federstahlskulpturen präsentiert. 2005 folgte eine Einzelausstellung, die neben Chromstahlskulpturen auch Holzobjekte und Nitrodrucke umfasste. In der aktuellen Ausstellung werden nicht nur neue Skulpturen aus Messing, sondern auch erstmals Fotografien und filigrane Zeichnungen und Gemälde in Aquarell, Graphit und Acryl auf Finnpappe, Holz und Zinkblech zu sehen sein, die einen eindrucksvollen Querschnitt durch das experimentelle Spektrum des Werkes von Barbara Roth repräsentieren.
Barbara Roth wurde 1950 in Basel geboren und lebt und arbeitet in Zürich. Nach einem Architekturstudium 1971-74 an der ETH Zürich absolvierte sie 1979-80 eine Ausbildung bei dem Bildhauer Peter Meister in Zürich. Roth erhielt zahlreiche Kunststipendien und realisierte eine Reihe von Arbeiten im öffentlichen Raum. Ihre Werke wurden unter anderem 2005 in Museum Helmhaus in Zürich, 2006 im Museum of Contemporary Art of Esfahan im Iran und 2007 in der Galerie „die Halle“ in Langnau am Albis ausgestellt. In 2008 richteten das Tokyo Publishing House und die Galerie Shigeru Yokota Barbara Roth eine große Einzelausstellung in Tokio aus.
Seit den 1990er Jahren steht für Barbara Roth ihr Interesse an räumlichen Fragestellungen und einer äußerst reduzierten Formensprache im Zentrum ihres Œuvres. Ihre Werke sind eher Verweise auf Vorstellungswelten und visionäre Raumentwürfe als Modelle klar definierbarer Architekturen. Neben skulpturalen Raumzeichnungen aus Feder- oder Chromstahlstäben entwarf sie hölzerne Quader und Wandtafeln, die in ihrer linearen Aufzeichnung von Bewegung und Raum an architektonische Pläne und Spielbretter erinnern.
Die in der aktuellen Ausstellung präsentierten Messingskulpturen werden im Unterschied zu den Holztafeln ausschließlich horizontal auf Gestellen und Holzsockeln präsentiert. Dem Betrachter wird somit eine Aufsicht aus der Vogelperspektive gewährt, inspiriert durch den Blick aus dem Fenster bei einer Flugreise, auf die der Titel „Architektur II (Flug)“ exemplarisch verweist. Die erste Werkgruppe der auf den Sockeln präsentierten Messingtableaus mit ihren linearen Ritzungen und präzise auf die Oberfläche montierten Platten und Kuben erinnert an minimalistische Architekturmodelle urbaner Landschaften („architectural landscape“ 2008). In einem mehrfach verkleinerten Maßstab eröffnen diese Werke in der Nah- und Fernsicht eine neue Perspektive des Raumes aus Distanz, in der die Landschaft einen zeichenhaften Charakter erhält. In ihrer strengen Reduktion führen diese Skulpturen die Phantasie des Betrachters in utopische Dimensionen und dienen ihm als Projektionsfläche für eigene Raumvorstellungen.
Der Titel „Messgerät“ (2007) der zweiten, auf Holzgestellen präsentierten Werkgruppe verweist auf das aktive Ausrichten, Filtern und Sortieren visueller Erkenntnis. Bei diesen mit Viertel- und Halbkreissegmenten versehenen Messingskulpturen hat sich die Künstlerin von der Kartografie inspirieren lassen, die von jeher einen großen Anteil an unserer Konstruktion von Wirklichkeit hatte, indem sie Wissen nach bestimmten Kriterien wie Glauben, Politik oder Wirtschaft strukturiert und abgebildet hat. Reduziert auf deren wesentliche Merkmale – das Halbrund der Erdkugel, die Projektion in die Fläche, das System der Längen- und Breitengrade sowie Fixpunkte zur Orientierung und Ausrichtung – verweisen Roths Messgeräte als „pars pro toto“ auf die Geschichte der Vermessung der Welt und deren wesentlichen Anteil an unserem Selbst- und Weltverständnis.
Auch in den präsentierten, filigranen Zeichnungen in Graphit, Aquarell und Acryl auf Finnpappe und Holz verwendet Barbara Roth Kreissegmente und Raumkoordinaten, erzeugt mittels Kartoncollage reliefartige Strukturen und ahmt durch die Verwendung von Schellack die glatte, seidig glänzende Oberfläche von Kartenpapier nach. In poetischer Loslösung von den historischen Vorlagen verändert die Künstlerin die Umrisse der Kontinente („antarctic“ 2008), lässt sie auseinander driften, wie Wolken über dem Ozean schweben, umhüllt von einem blaugrünen Dunst, auf den der Ausstellungstitel verweist. Dieses Atmosphärische ist auch in ihren Fotografien wiederzufinden, die auf Reisen in den Iran (2006) und nach Japan (2008) entstanden sind. In Miniaturform geben sie weniger konkrete Orte als die Veränderung der Beschaffenheit von Wolken, Wellen, Straßen und Gebirgsformationen je nach Zeitpunkt und Wetterlage wieder. Die Silhouetten von Bergen und Gewässern in Acryl auf Zinkblech bilden dabei das Bindeglied zwischen ihren Fotografien, Zeichnungen und Skulpturen.
Es ist charakteristisch für Barbara Roth, dass sie in all ihren Werken das Kondensat der gesammelten Sinneseindrücke und Informationen gestaltet. Indem sie ihr eigenes Ordnungs- und Zeichensystem entwirft, das in seiner Reduktion dem Betrachter Leerstellen für eigene Projektionen bietet, verdeutlicht sie, dass unsere Wahrnehmung stets ein intelligenter Prozess aktiver Konstruktion ist, den sie spielerisch hinterfragt.
