
![]() |
François Morellet |
Die Baukunst Galerie eröffnet am Mittwoch, dem 31. Oktober 2007 von 18.00 bis 20.00 Uhr eine große Einzelschau mit Werken von François Morellet. Dr. Christoph Schreier, stellvertretender Direktor am Kunstmuseum Bonn, wird eine Einführung in sein künstlerisches Œuvre geben. Es ist die zweite große Einzelschau des Künstlers in der Galerie. In der Ausstellung werden neben einer pointierten Auswahl früher und aktueller Neoninstallationen auch Wandarbeiten, Zeichnungen und eine ortsbezogene Klebeband-Installation zu sehen sein.
François Morellet zählt zu den bedeutendsten französischen Künstlern der Gegenwart. Bereits 1973-75 organisierte das Centre National d’Art Contemporain (CNAC), Paris, eine große Ausstellungstournee in Frankreich. Seither wurde sein Œuvre weltweit in zahlreichen Ausstellungen präsentiert, u.a. im Centre Georges Pompidou, Paris; Musée d'Art Contemporain, Montréal; Solomon R. Guggenheim Museum, New York; Museum of Contemporary Art, Tokio und mehrfach auf der Biennale in Venedig und der Documenta in Kassel. Fast alle bedeutenden internationalen Museen besitzen seine Werke.
Morellet gilt als einer der Hauptakteure der europäischen „Geometrischen Abstraktion“ und seit der 1960 von Max Bill kuratierten gleichnamigen Ausstellung auch als Mitbegründer der „Konkreten Kunst“. Bereits in den frühen 50er Jahren beginnt der Künstler seine subjektiven Entscheidungen zur Bilderfindung auf ein Minimum zu reduzieren und operiert mit mathematisch-geometrischen Systemen, deren Konstruktionsmethode er in den Bildtiteln benennt. Dieser Form der Objektivierung stellt der Künstler von Anfang an das Aleatorische gegenüber: der Zufall entscheidet, wo und in welcher Farbe eine Form gesetzt wird. Im Laufe der Jahre bewegt er sich immer leichtfüßiger zwischen Ordnung und Unordnung und findet Gefallen an der „spielerischen Methode“. Darüber hinaus bestimmt die ihm eigene Mischung von Humor und Intelligenz das Wesen seiner Kunst entscheidend mit.
Ein Beispiel hierfür sind die selbstironisch als „Raté“ (Blindgänger) betitelten Werke. Sie haben ihren Ausgangspunkt in den 1957 entstandenen „Répartition de 16 formes identiques“, in denen Morellet 16 gleiche, L-förmige mit Öl bemalte Holzstücke zu einem perfekten Quadrat zusammenfügte. In den 2002 und 2005 entstandenen Arbeiten greift er das Thema wieder auf und reduziert die Zahl auf 9, so dass sich das Quadrat unmöglich ohne Leerstellen und Überhang zusammensetzen lässt. Die unbemalten Kanten der Einzelteile bilden eine filigrane Linienstruktur, die an Arabesken erinnert und zugleich auf die Möglichkeit ihrer spielerischen Refiguration verweist. Mit dem Thema der Linie beschäftigt sich Morellet auch in den „Strip-teasing“ (Streifen-Witzelei)- und „Trames“ (Raster)-Arbeiten. Er ordnet die Linien systematisch – oft entsprechend der Zahl π – auf der Leinwand an, übermalt sie mit breiten Streifen oder füllt ihre Zwischenräume farbig aus. Auf diese Weise stellt er die unterschiedlichen Qualitäten von Linie, Streifen und Farbfeld heraus und verdeutlicht, dass ihre Wahrnehmung stets von Maßstab, Proportion und subjektiver Sichtweise des Betrachters bestimmt wird.
Auf der Suche nach neuen bildnerischen Ausdrucksmitteln hat Morellet als einer der ersten ‚Lichtkünstler‘ 1963 die Neonröhre als Gestaltungsmittel entdeckt. Ihren industriellen Charakter betrachtet er als Gewinn an Neutralität. Zudem eröffnet sie ihm die Möglichkeit, leuchtende Linien über alle Arten von Oberflächen frei durch den Raum zu ziehen. Bei der in der Ausstellung präsentierten Neoninstallation „Tableau 5°-95°, angle néon (sur mur) 0°-90°“ (1980) handelt es sich um eine der bekanntesten Neoninstallationen von Morellet, die zuletzt 2006 anlässlich seines 80jährigen Geburtstages im Centrum Kunstlicht in de Kunst in Eindhoven ausgestellt wurde. Die rechtwinklige Neonröhre dient hier als Hilfsmittel, um die optische Wahrnehmung der um 5° geneigten Leinwand hervorzuheben. Auch die Neonröhren in den 2007 entstandenen „4 à 4“, der „Décrochage n°3“ von 2004 und den frühen „2 néons: 0°-90°, avec 2 rythmes interférence“ aus den 70er Jahren beziehen sich in Form und Anzahl stets auf den rechteckigen oder kreisrunden Malgrund. Sie greifen seine Konturen auf, setzen diese leuchtend ab und durchbrechen die Perfektion der Geometrie durch jene drei Methoden, die Morellet seit den 50er Jahren auch für seine Gemälde angewandt hat: Überlagerung („superposition“), Interferenz („interférence“) und Zufall („hasard“). Darüber hinaus wird die letzte verfügbare Arbeit aus der 2005 entstandenen, abgeschlossenen Werkgruppe „Après réflexion“ präsentiert. In Bezugnahme auf in den 60er Jahren entstandene Fotografien von Lichtreflexionen eines Neonrasters auf einer dunklen Wasseroberfläche, hat Morellet hier die Neonröhren in einer Weise bearbeitet, dass sie in ihrer Form die unberechenbare, fließende Deformierung des gespiegelten Rasters auf der schwarzen Leinwand nachvollziehen.
Den Neoninstallationen wird eine ortsbezogene, kurzlebige Klebebandinstallation aus der Reihe „Les Adhésifs“ gegenübergestellt, die Morellet seit 1968 direkt auf Wände oder andere feste Untergründe wie Glas, Skulpturen, Gemälde usw. aufbringt. Es ist das Wechselspiel des Aufeinandertreffens einer strengen Ordnung mit einer unebenen Oberfläche, die den Künstler interessiert. Die horizontalen und vertikalen Strukturen der Klebestreifen zeigen eigenwillige Geometrien, die auf die bauliche Textur der Baukunst Galerie bezogen sind, jedoch andere als die bislang dominierenden Merkmale hervorheben. Wie in seinen Zeichnungen, Wandarbeiten und Neoninstallationen greift François Morellet in sicherer Beherrschung des Umgangs mit Formen in unsere gestaltete Umwelt ein und unterwandert anarchisch-spielerisch unsere Sehgewohnheiten. Diese kritische Befragung von Gegebenheiten hinterlässt Spuren in unserem Bewusstsein, die zum Bestandteil unserer Wahrnehmung der Alltagsrealität werden.
