Baukunst Galerie



Bild:

Henri
Cartier-Bresson
Istanbul
1964 (2004)
Silbergelatineanzug
40 x 30 cm
signiert


Die Baukunst Galerie widmet ihre nächste große Ausstellung Henri Cartier-Bresson. Der berühmte französische Fotograf ist am 3. August, kurz vor seinem 96. Geburtstag, in Cereste bei Marseille verstorben. Zur Eröffnung am 15. September 2004, 18.00-21.00 Uhr, spricht Christiane Stahl, Leiterin der Alfred-Ehrhardt-Stiftung, Köln. Die Einzelschau findet im Anschluß an eine Sonderausstellung des Kölner Museums Ludwig statt, die zu Ehren des Künstlers in Reaktion auf seinen Tod kurzfristig veranstaltet wird und die gesamte Kunsthallenausstellung von 1967 sowie Vintages aus der Sammlung L. Fritz Gruber präsentiert (22. August bis zum 12. September 2004). Erstmals hatte in der Baukunst Galerie 1998-99 eine retrospektive Einzelausstellung mit Fotografien und auch Zeichnungen Henri Cartier-Bressons stattgefunden.

Henri Cartier-Bresson gehört zu den bekanntesten Fotografen des 20. Jahrhunderts. Er wurde am 22. August 1908 in Chanteloup als Sohn eines Fabrikanten geboren und studierte von 1927 bis 1929 in Paris Malerei. In den 30er Jahren begann er, zu fotografieren: Er war auf die deutsche Leica gestoßen, deren Kleinbildformat es ermöglichte, die Kamera mit sich zu tragen, um sie im entscheidenden Moment zur Hand zu haben. Bei dieser Ausstattung blieb es. Fotografische Entdeckungsreisen führten ihn durch die ganze Welt. Seine einzigartige Gabe, das Wesentliche einer Situation zu erfassen, machten ihn schon bald bekannt. 1933 fanden in Madrid und New York erste Ausstellungen seiner Arbeiten statt. Im Zweiten Weltkrieg geriet Cartier-Bresson 1940 in Gefangenschaft, 1943 gelang ihm die Flucht. In Paris schloß er sich der Résistance an. Er drehte 1945 im Auftrag des US-Büros für Kriegsinformation seinen erschütternden Film "The Return" über die Rückkehr französischer Kriegsgefangener und Deportierter. 1947 war er mit Robert Capa, David Seymour und George Rodger Mitbegründer der legendären Fotoagentur "Magnum“. In deren Auftrag reiste er zwei Jahrzehnte lang als Bildjournalist durch die Welt und schuf zahlreiche, vielfach ausgezeichnete Fotoreportagen. Er reiste an die Orte politischer Umwälzungen. Nicht nur seine dort geschaffenen Momentaufnahmen wurden zu Zeitdokumenten. Ebenso berühmt sind seine Portraits von prominenten Zeitgenossen, von Albert Camus, Jean-Paul Sartre oder Alberto Giacometti. Ab Mitte der 70er Jahre fotografierte Cartier-Bresson nur noch sehr selten. Er beschloß, "die Wirklichkeit nicht mehr zu bestehlen, sondern ihr etwas zu geben" und kehrte zu seinen Anfängen zurück, indem er sich ganz dem Zeichnen widmete.
Eine große Retrospektive zum Werk des Fotografen hat 2003 in Paris begonnen und ist, nach Barcelona und Berlin, in diesem Herbst in Rom zu sehen. Weitere Stationen werden Edinburgh und das MoMA in New York sein.

Die aktuelle Schau in der Baukunst Galerie versammelt eine umfangreiche Auswahl von ca. 40 Fotografien Cartier-Bressons aus den 30er bis in die 70er Jahre, darunter berühmte Bilder aus den Serien „En France“, „Les Européens“ und „L’Amérique“, aus seinen preisgekrönten Bilddokumentationen „The Coronation of King George VI.“ oder „The Last Days of Kuomintang“, sowie Bilder aus Mexiko, China, Japan, der UdSSR, Armenien und Georgien.

Cartier-Bresson entdeckte seine Motive im Alltag, in Städten oder in abgelegenen Regionen, in denen er zu Fuß unterwegs war. Der Fotograf versuchte immer, die Stimmung eines Augenblicks einzufangen: „Es gibt nichts auf der Welt, das nicht einen entscheidenden Augenblick hätte“ sagte er über seine Arbeit. Henri Cartier-Bresson hatte die Gabe, diesen entscheidenden Moment, den „moment décisif“, zu treffen und aus einem Sekundenbruchteil ein Bild von großer Vollkommenheit zu schaffen. Sein Aufsatz "L'Instant décisif" wurde zum Standardwerk für eine ganze Generation von Bildjournalisten. Die Kamera, so sagte Cartier-Bresson einmal, benutze er wie einen Skizzenblock, mit dem er durch das Leben gehe, immer wach und bereit, sich vom Leben zu einer Bildnotiz inspirieren zu lassen. Gestellte Bilder lehnte der Fotograf ab. Das Fotografieren war für Cartier-Bresson ein spontaner Impuls, der aus unablässigem Schauen erwächst und den Augenblick für die Ewigkeit festhält. Er hielt seine Kamera instinktiv zur rechten Zeit am rechten Ort bereit: Auf einen Mann, der am Pariser Bahnhof Saint-Lazare im Gegenlicht über eine Pfütze springt, die seine Silhouette widerspiegelt oder schwarz gekleidete Menschen auf einer Treppe in Istanbul, die mit dem Treppengeländer und den anliegenden Hausfassaden eine perfekte Bildkomposition formen. In den Bildern Cartier-Bressons, in denen Flächen, Linien, Licht, Schatten und Menschen zu einer perfekten Ordnung komponiert sind, läßt sich seine klassische Ausbildung erraten. Er ist auch als Fotograf immer Maler geblieben.

Seine Abzüge sind fast immer von einem schwarzen Rand umgeben: Beleg dafür, daß er das ganze Negativ vergrößern ließ. Dieses Markenzeichen zeigt dem Betrachter, daß das Bild schon bei der Aufnahme perfekt gestaltet war, das Bild im Kopf vollends vorgedacht war, als der Verschluß sich öffnete, so daß es keiner späteren Ausschnitte in der Dunkelkammer bedurfte. Der Franzose arbeitete ausschließlich mit Schwarzweiß-Filmen und verzichtete auf Blitzlicht: „Emotion finde ich nur im Schwarzweiß“, sagte er einmal.

Henri Cartier-Bresson wurde als das „Auge des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet. Seine Arbeit war jedoch kein distanziertes Dokumentieren. Stets interessierte ihn beim Fotografieren "was die Menschen denken, ihre Körpersprache, ihre Gedanken, ihre Träume". Den Fotografien des Franzosen kann man dessen Liebe zum Menschen ablesen - gleich welcher Hautfarbe, sozialen Schicht oder Kultur. Bei allem was man tue, müsse es eine Beziehung zwischen Auge und Herz geben, sagte Cartier-Bresson einmal in einem seiner seltenen Interviews: Während seiner Aufnahmen sehe ein Auge das Motiv, das andere sehe nach innen.





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